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[marie langer 1910-1987 | geborene marie glas 1910-1937]

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Marie Langer 1910 Wien - Buenos Aires 1987. [Hg. von Raimund Bahr]

Spurensuche | Statt einem Nachwort
An dieser Stelle sollen weder die Wissenschaft und ihre Beweisnotstände noch Marie Langer als berühmte Psychoanalytikerin im Vordergrund stehen, sondern die ganz persönlichen Beziehungen, die Marie Langer eingegangen ist, die ein Netz bildeten, das sich von Süd- nach Nordamerika bis Europa spannte. Einige Menschen aus diesem Beziehungsnetz sind mir auf meiner Spurensuche begegnet, andere konnte ich aus Zeit- oder Geldgründen nicht aufsuchen, und wieder andere sind wie Marie Langer bereits gestorben.

Als ich mit meiner Arbeit begonnen hatte, war Marie Langer gerade vier Jahre tot und in Wien beinahe vergessen. Ich mußte mich also einerseits über ihre Schriften und andererseits über Gespräche mit ihren Freund/inn/e/n an sie herantasten, um ein Bild von ihr zu entwerfen, das meine ganz persönliche Sicht ihrer Lebensrealität darstellt und sicher nur eine Annäherung an ihre wahre Geschichte sein kann. Und nicht zuletzt bin auch ich durch das Schreiben ihrer Biographie ein Teil dieser (und sie ein Teil meiner) Geschichte geworden, indem ich eine neue Spur gelegt habe. Jede/r dieser von mir aufgesuchten Menschen ist ein Teil eines Netzes, das Marie Langer über die Jahrzehnte hinweg knüpfte, das ihr half, ihr Leben zu bewältigen und sich damit auch jenen Platz in der Geschichte zu erobern, den sie sich immer gewünscht hatte.

Es gibt nun Menschen, Forscher/innen, die behaupten, es wäre nicht sinnvoll Biographien zu schreiben, denn sie erlauben keine theoretischen Erkenntnisse, die auf ein gesellschaftliches Ganzes verweisen. Vielleicht haben sie recht. Ich aber habe mit meiner Biographie versucht, das Gegenteil zu beweisen und auch dieser kurze Text soll zeigen, daß hinter der Biographie von Marie Langer ein Mikrokosmos steht, der auf Grund seiner Zusammensetzung auf soziale, politische, ökonomische und andere historische Verhältnisse verweist. Ich will nicht behaupten, daß von einer Einzelfallanalyse auf ein gesellschaftliches Ganze geschlossen werden kann, aber dennoch kommt ihr ein enormer pädagogischer Wert zu, denn sie kann uns helfen einen Weg durch unser eigenes Lebenslabyrinth und einen Entwurf für unser Leben zu finden. Auch Marie Langers Leben stellte für mich an Beginn meiner Arbeit eine Art Irrgarten dar, immer wieder stieß ich auf Widersprüche, und kaum hatte ich ein Problem gelöst, eröffnete sich ein neues. Und auch ihre Autobiographie hellte diese Verwirrungen nicht unbedingt auf, weshalb ich mich auf die Suche nach Zeitzeug/inn/en machte, die mir mehr Klarheit verschaffen könnten. Einige Namen waren mir bekannt, mythen- und sagenumwobene Gestalten aus der Geschichte der linken, dissidenten Psychoanalyse, wie z.B. Paul und Goldy Parin und andere weniger berühmte, die aber deswegen eine nicht weniger bedeutende Rolle in Marie Langers Leben spielten.

Meine Spurensuche begann also in Wien und war am Beginn nicht gerade von großem Erfolg gekrönt, denn z.B. verweigerte mir das Universitätsarchiv den Akt Marie Langer, weil ich keinen Totenschein und keine Vollmacht der Kinder für eine Einsicht vorweisen konnte. Dann traf ich auf Johannes Reichmayer, ein guter Freund der letzten Jahre, der mich an Erika Danneberg verwies. Das erste Treffen mit Erika verlief nicht ohne Probleme, war für mich aber von großer Bedeutung, da sich daraus nicht nur eine Freundschaft entwickelte, sondern mir auch neue Zugänge zu Marie Langers Leben eröffnet wurden.

Erika ist Mitglied der KPÖ und als Psychoanalytikerin auch in der Wiener Vereinigung tätig. Mit ihr diskutierte ich strittige Fragen, warf neue auf und im Denken ähnelte ihre Haltung betreffend den Zugängen zum Internationalismus und Sozialismus jenen von Marie Langer. Geduldig stand sie mir bei, in meinen ersten Versuchen Licht in das Lebensdunkel Marie Langers zu bringen, wobei sie auch ihre eigenen Erfahrungen in Nicaragua als Psychoanalytikerin in Salud Mental einbrachte. Ein erster Knoten im Netz war geknüpft. Erika war mir, wie die Schweizer/innen und Deutschen, die ich später traf, eine Stütze im Erinnerungsprozeß. Und Erika war für Marie Langer nach dem Tod ihrer Mutter wohl auch eine der letzten Verbindungen zu Wien, wo sie aufgewachsen war, aus dem sie notgedrungen wegging, das der Familie Glas/Hauser Heimat gewesen ist.

Mit Erika begann ich Widersprüche in der Autobiographie aufzudecken - und währenddessen tauchte ein Mann in Wien auf, der von Argentinien zu Vorträgen angereist war, der Marie und Max Langer näher gekannt hatte. Ich wußte von ihm, hatte ihm bereits geschrieben, aber noch bevor der Brief die andere Seite des Atlantiks erreichte, war Alfredo Bauer schon zu einer Vortragsreise nach Wien unterwegs. Alfredo ist Kommunist, Schriftsteller, Jornalist und Gynäkologe bzw. Geburtshelfer, hatte in den österreichischen Exilorganisationen wie austria libre mitgearbeitet und dort Max und Marie Langer kennengelernt. Er war meine erste, sichtbare Spur zum Leben Marie Langers auf einem anderen Kontinent, das für sie eine Art Neubeginn darstellte. Alfredo erzählte Geschichten und stellte Kontakte her, war hilfsbereit und nahm mich in Argentinien mit offenen Armen auf. Doch in Wien blieb er noch ein Schatten, eine dunkle Spur.

Schon kurz darauf wurde mir durch eine finanzielle Unterstützung des Ludwig Boltzmann Instituts für zeitgenössische Lateinamerikaforschung eine Studienreise in die Schweiz und nach Deutschland ermöglicht. Und damit betrat ich eine neue Welt. Eine Welt, in der Marie Langer sich zu Hause fühlte, die ihr den alten Kontinent näher brachte, wo sie das grüne Land wiederfand, Seen, um darin zu baden, einfach Erinnerungen an eine Welt, die sie längst verloren glaubte. Die Kontakte in das reiche Zürich und zu Judith Valk begannen für Marie Langer bereits auf dem 27. IPK in Wien, und danach kam sie jedes Jahr auf Urlaub wieder. Und ein paar Jahre später kam sie, um für Nicaragua die Werbetrommel zu rühren. Auch in Zürich fand sie Freund/inn/e/n, mit denen sie arbeiten konnte. Und diese Freundschaften mit politischem Engagement in Verbindung bringen, war für sie charakteristisch. Eines ohne das andere war beinahe undenkbar. Eine dieser Freundinnen war Judith Valk, die einiges zu Marie Langers Wohlgefühl während ihrer Aufenthalte in Zürich beigetragen hat, die ihre Vortragsreisen in Europa organisierte und mir vieles über den Gegenkongreß in Rom und von plataforma erzählte. Judith nahm mich freundlich und offen auf und stellte mir ihr Archiv zur Verfügung. Sie ist gebürtige Ungarin und wurde in der Pubertät aus Budapest nach Bergen-Belsen deportiert, bevor sie im letzten Kriegsjahr ins Schweizer Exil kam, wo sie 10 Jahre später zu ihrem Psychologiestudium zurückkehrte, um sich schließlich dort niederzulassen und ihre Ausbildung als Analytikerin zu machen. Heute gehört sie, wie viele andere bekannte Züricher Analytiker/innen, dem Psychoanalytischen Seminar Zürich an - einer im Jahr 1977 ebenfalls dissident gewordenen Gruppe: Weil wir haben Marie Langer eigentlich nicht persönlich kennengelernt, doch war sie dort an diesem internationalen Kongreß in Rom. (...) Wirklich kennengelernt haben wir sie in Wien am 27. Internationalen Kongreß, zwei Jahre später, in 71. (...) Dort hat Marie diesen Vortrag ‚Soziale Revolution und Psychoanalyse‘ gehalten. (...) Wir sind alle, ohne uns abzusprechen, dort hin und waren ganz begeistert vom Vortrag und von diser Frau. Parin war derjenige, der seine Begeisterung auch in persönliche Begegnung umsetzte. (...) Seither ist Marie Langer jedes Jahr nach Europa gekommen. Zuerst waren das eigentlich ihre Ferien, später standen diese Reisen im Dienste Nicaraguas. (Valk 11/5/1992)

Während meines Zürich-Aufenthaltes wohnte ich bei Ruth Rabian, die mich als Fremden aufnahm, als würde sie mich ewig kennen und damit sehr viel zum Erfolg meiner Studien beitrug. Überhaupt mußte ich auf meiner Spurensuche feststellen, daß alle Menschen mir mit Offenheit und ohne Mißtrauen begegneten, und ich glaube, daß Marie Langer und meine Arbeit über sie mir viele Türen geöffnet haben. Diese Begegnungen setzten sich auch in Basel fort, wo ich zwar nur einen Tag bei Ursula Walter und ihrem Lebensgefährten George verbrachte. Dieser eintägige Aufenthalt war sehr angenehm und lehrreich für mich. So wie Judith in Zürich die Organisatorin für Marie Langers Reisen in Europa war, sie oft auch nach Venedig, Freiburg oder Frankfurt begleitete, war Ursula das logistische Zentrum für die Spendenaufrufe und das Verfassen der Rundbriefe. Ursula Walter studierte Psychologie, machte ihre Ausbildung in Psychoanalyse bei der regionalen Vereinigung und arbeitete lange Zeit in Dritte Welt Projekten. Sie war weniger Freundin von Marie Langer als mehr Mitarbeiterin, und gerade diese Distanz zum Leben Marie Langers half in unseren Gesprächen sehr, denn mit ihr gemeinsam entdeckte ich die Dialektik der Macht, die in Marie Langers Leben eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Und wie viele andere erzählte sie mir Geschichten, die Schlaglichter auf die Persönlichkeit Marie Langers warfen, helle Blitze aufleuchten ließen in der Dunkelheit des persönlichen, ganz privaten Lebens von Marie Langer: Ich habe die Marie Langer gekannt von dem Gruppenbuch her, aber es war so eine historische Persönlichkeit, und ich wußte, daß sie noch lebt, also so vom Studium her, und dann hat sie mal in Zürich geredet, und zwar über die Arbeit in Argentinien in einer Klinik, wo sie mit Müttern, also mit Frauen (...) psychoanalytisch gearbeitet haben in diesem Team. Das hat mich einfach beeindruckt so - diese Kollegin. Und dann hat die Judith angefragt, ob wir in Basel bei den Analytikern einen Vortrag machen würden. (...) Und da habe ich mich dann dafür eingesetzt. (...) Ich hab sie dann beim Bahnhof abgeholt und eingeführt und fand das spannend. Weil bei uns die ganze Ausbildungsgeschichte ist immer ein Dauerbrenner, Basel ist immer so halbstrukturiert. (...) Und da hat mir die Marie Langer einfach imponiert, weil sie versuchte diese Machtfrage, die Realitätsfrage in der Ablösung und in der Weitergabe von Wissen psychoanalytisch zu denken. (Walter 17/5/1992)

Überall hinterließ Marie Langer Spuren, beeindruckte vor allem durch ihre Persönlichkeit, so auch in Deutschland. Frankfurt/Main war eine jener Spuren die vor allem aus organisatorischen Gründen dunkel bleiben mußten. Doch in Freiburg/Breisgau fand ich die für den deutschen Sprachraum und die Kenntnis, die hier über Marie Langer herrscht, wohl entscheidendste Spur: Marie Langers Verlegerin Traute Hensch. Sie verlegte drei Bücher von Marie Langer und wurde so zu einer wichtigen Person in ihrem Leben. Traute Henschs Kore-Verlag hat sich damals auf Fragen der dissidenten Psychoanalyse und Frauen spezialisiert. Das kurze Gespräch mit ihr gab mir Aufschlüsse über die Rezeption Marie Langers im deutschen Sprachraum: Ich glaube das war vielleicht 84. Ich war ja vorher beim Verlag Strömfeld Roter Stern in Frankfurt, und da ich hier in Freiburg meine ganzen sozialen Kontakte hatte, war ich immer am Wochenende in Freiburg, und irgendwann habe ich zufällig gesehen, Marie Langer spricht über Nicaragua. Ich wußte ehrlich gesagt nichts über Marie Langer und da mich Nicaragua interessiert hat, bin ich in die Veranstaltung gegangen, und da muß ich sagen, daß mich das wahnsinnig beeindruckt hat, wie sie über Nicaragua gesprochen hatte. (...) Da ich nichts von ihr wußte, bin ich eigentlich relativ unbedarft zu ihr hingegangen und hab sie gefragt, was sie ist. Und da kam raus, sie ist Psychoanalytikerin. Und das hat mich unheimlich, nachhaltig beschäftigt. Und dann hab ich sie auch in aller Naivität gefragt, ob sie sich vorstellen könnte (...) über Nicargua ein Buch zu machen und so sind wir ins Gespräch gekommen. (Hensch 20/5/1992)

Gewohnt habe ich während meines Aufenthaltes bei Bernd und Anerose Münk. Bernd hat Medizin und Psychologie studiert, arbeitete in der Klinik in Gegenbach und ist in das links-engagierte, politische Leben in Freiburg eingebunden. Anerose und Bernd brachten mir jene freundschaftliche Aufmerksamkeit entgegen, die mir auf meiner gesamten Spurensuche zuteil wurde. Es gab selten Zurückweisungen - und ich werde das Gefühl nicht los, daß dies mit Marie Langers Art mit Menschen umzugehen zu tun hat. Sie suchte den direkten Kontakt von gleich zu gleich ohne Ansehen des Alters und der beruflichen oder politischen Berühmtheit, auch wenn in ideologischer Beziehung ihre Geduld rasch ein Ende finden konnte. Es fiel ihr schwer: Nein! zu sagen, und manchmal mußte sie vor ihrer eigenen Offenherzigkeit beschützt werden. Einer, der diese Funktion in Freiburg übernahm, war Bernd: Ich denk, das war 82, wo ich zu einem Vortrag nach Basel gefahren bin von der Marie Langer, und zwar war das der Vortrag über den Widerspruch in der Psychoanalyse (...) und hatte dann diesen ersten Eindruck von dieser faszinierenden Frau, die dort zum Vortrag kommt, gerade angereist, es war glaub’ ich kühler, als sie erwartet hatte, und sie kam dann ohne Socken und in ihren Jesuslatschen da an und setzte sich da hin und schaute sich um und musterte die Leute in diesem Flur und fragte dann nach einem Aschenbecher. (...) Und nach diesem Vortrag hatte ich dann, auf Grund meiner Mitarbeit bei den deutschen Ausbildungskandidaten, die Idee, wir könnten den Vortrag veröffentlichen. (...) Und ich hab’ ihr dann einen ersten Brief geschrieben. (...) Und sie hat mir dann geantwortet, gar nicht groß, es war eine kurze Antwort. (...) Und aus dieser Geschichte heraus hat sich dann ein Briefwechsel entwickelt zwischen uns beiden. (...) Und ich hab dann Marie Langer für ihre nächste Europareise in die Klinik nach Gegenbach eingeladen, wo ich damals gearbeitet habe. (...) Sie kam dann aber in meinen Sommerferien. (...) Damals war das eine traurige Sache, aber wir hatten es halt auch aufschieben können. (...) Im Jahr 83 haben wir sie wieder eingeladen und das war dann schon eine sehr schöne Begegnung, wo wir uns auch persönlich ein bißchen kennengelernt haben und nahegekommen sind. (Münk 19/5/1992)

Bernd war auch einer der vielen Söhnen, die Marie Langer auf ihrem Lebensweg zurückgelassen hat, Söhne nicht im familiärer, sondern im politisch-psychoanalytischen Sinne. Denn so viel Marie Langer auch mit Frauen arbeitete, so sehr fühlte sie sich doch immer zu Männern hingezogen, und alle waren von ihr fasziniert, sahen in ihr nicht die Mutter, sondern vor allem die Frau, die auch noch im hohen Alter erotische Ausstrahlung besaß.

Ein weiterer dieser Söhne begegnete mir bei meiner zweiten Zürich-Reise im August 1992, als ich die zwei schärfsten Kritiker/innen von Marie Langers Arbeit und der des equipos in Nicaragua kennenlernte. Berthold Rothschild und Bigna Rambert arbeiten beide als Psychoanalytiker/innen in Zürich. Berthold gehörte der plataforma an und war in der Zeit ihres Bestehens eine Art Generalsekretär. Bigna und Berthold arbeiteten auch am psychiatrischen Krankenhaus in Managua und hatten so Gelegenheit, die Arbeit des equipo hautnah zu erleben. An diesen drei Tagen im August traf ich Berthold und Bigna, die mir mit ihrer emotionalen und doch sehr überlegten Kritik die Möglichkeit eröffneten, zum ersten Mal während meiner Arbeit am Mythos Marie Langer zu kratzen, unter die Oberfläche ihres heroischen Lebens zu tauchen und Kritik an meiner eigenen Sichtweise ihres Lebens zuzulassen. Berthold und Bigna verdanke ich auch die Einsicht, daß ich Marie Langers Entwicklung seit ihrem dreißigsten Lebensjahr immer unter dem Gesichtspunkt der Kommunistin der Zwischenkriegszeit sehen muß.

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