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[erika danneberg 1922-2007 | verheiratete erika hakel 1949-1958]

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Etwas in Bewegung setzen. Erika Danneberg 1922-2007.
Leseprobe [Vorwort des Herausgebers]

Bei meinem ersten Besuch auf dem Berg, in Hatting in Tirol, im Haus der Schwester, hat mich Erika gefragt, warum ich denke, daß es eine Biographie über sie braucht, sie habe ja ohnehin alles in ihrer Autobiographie Wie leistet man Widerstand gesagt. Damit hatte sie nicht so unrecht. Doch es war eben nur ihr Blick auf ihr Leben, und dieser Blick ist vor allem politisch und literarisch geprägt gewesen. Es war nicht der Blick einer außenstehenden Person, die Erika nicht nur als politische Figur in einer bestimmten Zeit begreifen möchte, sondern Erika Danneberg als eine Person betrachtet, die mehr war als nur eine engagierte Frau.

Erika Danneberg war für mich in vielerlei Hinsicht ein Vorbild und sie hat mir bei meiner Arbeit und Entwicklung als Autor und Mensch zur Seite gestanden. Ihre bedingungslose Annahme meiner Person, bei gleichzeitig kritischer Auseinandersetzung mit meinen Zielen und Projekten, hätte ich mir von meinen Freunden und Kollegen auch oft gewünscht. Sie war eine Frau, wie ich sie gerne als Großmutter gehabt hätte. Generativ war sie meine Großmutter, persönlich eine sehr gute Freundin. Und das war Grund genug, mehr über sie herausfinden zu wollen, mich mit ihrem Leben zu beschäftigen, über das ich am Beginn meiner Arbeit glaubte, viel zu wissen, um rasch zu erkennen, daß dieses Wissen hauptsächlich auf emotionaler Basis beruhte. Ich wußte einiges über das, was sie dachte, doch nichts darüber, wie andere sie sahen oder ihr Leben betrachteten.

Ich wollte also mehr über sie erfahren, vor allem über ihre gesellschaftliche Position, die sie eingenommen hatte. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft (WPV) in wichtigen Zeiten des institutionellen Überganges, den sie an zentraler Stelle begleitete. Als Ehefrau des österreichischen Schriftstellers Hermann Hakel hat sie den Aufbau der österreichischen Literaturszene nach dem Krieg bis in die späten fünfziger Jahre hautnah verfolgen können. Sie war eine Frau, die in unterschiedlichen Schichten und Kreisen bekannt war und so Einfluß auf zahlreiche Menschen hatte, die heute leitende Funktionen einnehmen. Hinter ihrem Leben steht ein Netzwerk aus Personen, das auf vielfältige Weise miteinander verknüpft ist.

Erika Dannebergs Leben wich von der weiblichen Normalbiographie in vielen Aspekten ab. Nicht nur, daß sie kinderlos geblieben ist, so hat sie auch mehrmals in ihrem Leben einen Paradigmenwechsel durchgemacht. Ein Gedanke aber blieb über all die Jahrzehnte konstant, ein Anspruch, der sich sehr früh in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Vater herauskristallisierte und den sie über die Jahrzehnte hin bis zu ihrem Tode lebendig hielt: Dort, wo Ungerechtigkeit herrscht, muß Widerstand geleistet werden! Und gerade in diesem widerständigen Denken und Handeln liegt die ganze Spannung ihrer Biographie. Denn darin zeigt sich ein Lebensentwurf, an dem sich viele Menschen ein Vorbild genommen haben. Und auch für diese Menschen wollte ich ihr Leben ein Stück weit dokumentieren.

Als ich mit meiner Arbeit an diesem Buch begann, war Erika gerade achtzig Jahre alt geworden. Mein Wunsch, mehr über sie zu erfahren, traf sich mit ihrem: ihr Leben zu ordnen, ein Resümee zu ziehen und vielleicht auch mit manchem abzuschließen. Das Spannendste an meiner damals begonnen Arbeit war, mit einer lebenden Person, mit einer Freundin zu arbeiten, mich ihrer Biographie zu nähern und gleichzeitig kritische Distanz zu wahren, auf ihren Wunsch, manches nicht preisgeben zu wollen, einzugehen und dennoch einen kritischen Text zustande zu bringen. Manchmal auch gegen ihren Widerstand und meine eigenen Skrupel. Immer im Auge behaltend, daß eine Freundschaft auf dem Spiel steht, eine Beziehung, aber auch der Wunsch, diesem Leben zu Textualität zu verhelfen.

Jetzt, zum Erscheinungszeitpunkt dieses Buches, ist Erika Danneberg bereist ein Jahr tot, und es ist schade, daß sie die Herausgabe nicht mehr erleben konnte. Ich wünsche mir und hoffe, die Leserinnen und Leser dieser Bruchstücke über die Trauer um den Verlust Erika Dannebergs hinaus mit der betörenden Lebenslust dieser Frau, mit der ihr eigenen Art, die Herausforderung Leben anzunehmen, begeistern zu können.

Wir nähern uns hier einer Frau, zu der es noch kaum Sekundärliteratur gibt. In gewisser Weise muß ich sie mir erst einmal neu erfinden, das Bild, das ich mir von ihr gemacht habe, ein wenig zurechtrücken. Von der gebirgigen Perspektive des Alters, die sich aus der Geographie ihres Lebens ergibt, soll ich nun Erika Dannebergs Biographie beginnen. Das Pendel ihres Lebens beschreiben, das seltsam wankelmütig, aber stetig auf der Suche nach der richtigen Seite, zwischen Selbstbehauptung der individuellen Existenz und politischem Engagement in der Gruppe hin und her schwang. Ich habe versucht, diesen Schwingungen nachzugehen, die das Pendel auch in mir ausgelöst hat, und bin, wie bei jeder Biographie, die ich bisher geschrieben habe, bei der Familienarchäologie gelandet.

Es ist immer ein gewagter Versuch, das Leben eines Menschen aus seinen frühen Jahren heraus verstehen zu wollen, aber es ist der einzige Weg, der mir bleibt, um mich einer „Fremden“ zu nähern. Mich mit ihr vertraut zu machen. Mir genauer anzusehen, was von dieser Fremden existierte, bevor sie zu jener Person wurde, die mir heute als Erika Danneberg entgegentritt, als Summe aller Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen, die in sie eingeflossen sind.

Und vielleicht gab ja tatsächlich ihre Großmutter mütterlicherseits jenen Anstoß zum Leben, der es ihr möglich machte, sich in dieses Wagnis, das wir Existenz nennen, hineinzustürzen: „Hat es angefangen bei dem Kind, mit dem seine Eltern nichts anfangen konnten? Aber die Großmutter, die dem Neugeborenen, das der Mutter zum Entsetzen der Hebamme als ‚Mißgeburt’ erschien, ein Kreuz auf die Stirn machte und sagte. ‚Gott segne dich, mein Kind’; die Großmutter, die den hungrigen Säugling aufgepäppelt und später das Kind, das zu Hause nicht essen wollte, beharrlich zum Leben verführt hat mit den Künsten ihrer Geschichten und ihrer Küche.“ (Wie leistet man Widerstand, S.20)

Ja, vielleicht sollte das Buch dort beginnen, bei ihrer Großmutter, denn über sie hat Erika Danneberg immer gesprochen, wenn es darum ging, ihre Entwicklung als Frau und Mensch zu illustrieren. In zahlreichen Varianten hat sie immer wieder die Geschichte über ihre Geburt erzählt, angenommen als Baby von der Großmutter, zurückgewiesen von der Mutter.

Ganz in diesem Sinne werde ich mich auf die Suche nach den Spuren begeben, die sie hinterlassen hat. Vielleicht gelingt es mir ja, mit ihrer Lebensbeschreibung und ihren Texten etwas über ihren Tod hinaus in Bewegung zu setzen.

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