Einander Zwei | Erzählung
Paul trat über die Bordsteinkante auf die Uferstraße. Doch noch bevor der Fuß auf dem Asphalt aufsetzen konnte, zog er ihn zurück,
um den Lastwagen, der viel zu schnell und allzu knapp an ihm vorbeifuhr, passieren zu lassen.
Paul war unaufmerksam. Er spürte, daß sich etwas veränderte, daß seine Reise nach der gestrigen Wanderung mit Karla und dem
gemeinsamen Abendspaziergang eine andere Richtung bekommen hatte. Paul wußte nichts mehr mit sich anzufangen, jetzt da Karla
beschlossen hatte, den Vormittag alleine zu verbringen, zu telefonieren und Briefe zu schreiben. Seine gewohnte Reaktion auf
dieses Verlorensein war Aufbruch und Weiterreise. Aber obwohl Usuhaia keinen Reiz mehr für ihn hatte, verharrte er an diesem
Ort. Irgend etwas fehlte noch, dachte er, als er den Vorplatz der Hafenmole betrat. Er stand im krassen Gegensatz zu jenen
Häusern und Straßen, die er am Stadtrand gesehen hatte, zu den morastigen Straßen, den windschiefen Zäunen. Die Stadtverwaltung
wußte ihre Prioritäten zu setzen. Den Autos war die Zufahrt durch eine schwere Eisenkette verwehrt. Der Platz selbst war mit
roten und weißen Pflastersteinen ausgelegt. Die Anlage konnte noch nicht lange in dieser Form existieren, denn die zwei Bäume
in der Mitte des Platzes waren frisch gepflanzt, und die vier an den äußeren Rändern des Halbkreises aufgestellten Holzbänke
waren von der rauhen Witterung noch unbearbeitet. Das Ausflugsboot schaukelte am Anlegesteg auf und ab. Nur vereinzelt standen
Touristen auf dem ins offene Meer hinausragenden Steg und warteten auf die Abfahrt. Paul trat an das Molengeländer heran, das
unvorsichtige Menschen vor einem Absturz in das Hafenbecken schützen sollte. Er blickte auf das vom Wind aufgepeitschte Meer
hinaus. Eine Erinnerung blitzte auf. Später hätte er nicht mehr genau sagen können, was in ihm die Erinnerung an seine Heimatstadt
wachgerufen hatte, die er vor knapp einem Jahr fluchtartig verließ. Vielleicht war es der Blick über das Meer, auf die dahinterliegenden
Hügel gewesen, der ihn an Wien erinnerte. Vielleicht war es der für einen Bruchteil von Sekunden aus den Wolken hervorbrechende
Sonnenstrahl, der ihn zurückversetzte in diesen Septembertag, diesen milden Spätherbsttag, der zwar warm, aber nicht mehr brütend
heiß war. Er war hinausgefahren auf die Donauinsel, hatte sich in die Pizzeria am Ufer gesetzt, unter einen mit türkisen Fransen
geschmückten Sonnenschirm, und eine Cola mit Eis getrunken. Damit hatte er immer schon Meer, Sonne, Strand, Ferienstimmung und
die freie Verfügung über sich selbst verbunden. Sein Blick war über die Donau zum Kahlenberg gewandert, hinter dem sich hohe
Gewittertürme aufbauten. Und mit einem Mal hatte er gewußt, daß er aufstehen und weggehen würde. Es war ganz leicht gewesen,
die Schwere, die er immer bei solchen Gedanken empfunden hatte, zu überwinden. Es war ganz leicht gewesen, aufzustehen, nach
Hause zu fahren, den Job zu kündigen, alles Ersparte zusammenzukratzen, jemand für die Wohnung zu finden, der sie in seiner
Abwesenheit bewohnen würde, um dann ein Flugzeug zu besteigen und schließlich ein Schiff nach der Ost-West-Passage zu nehmen.
Und als er damals das Segelschiff betrat, sich an die Reling lehnte und aufs Meer hinausblickte, war seine Heimatstadt längst
nur mehr eine Erinnerung.
Paul stieß sich vom Molengeländer ab, als er das Läuten der Glocke vom Anlegesteg vernahm. Er ging langsam auf das Boot zu, so
als müsse er seine Fassung wiedererlangen. Und als er über die Gangway schritt, dachte er zum ersten Mal ans Heimkehren, an die
Rückkehr in die Stadt, die er seine Stadt genannt hatte, bis er selbst sie nicht mehr ertragen konnte und aufbrach, um alles hinter
sich zu lassen.
Er verließ das Deck, um sich im Inneren des Schiffes ein wenig aufzuwärmen. Er öffnete die schwere Eisentür und trat in den
Kabinenraum. Die Luft war stickig und verraucht. An der Vorderseite befand sich eine kleine Bar, an der es diverse Getränke
und Snacks zu kaufen gab. Doch im Moment schien niemand daran Interesse zu haben. Alle Blicke waren auf die Inseln im Strom
gerichtet.
„Ein paar dreckige, kleine Inseln“, sagte ein Mann.
„Ein wenig südöstlich von hier hätten sie beinahe einen Krieg wegen solcher Inseln vom Zaun gebrochen“, stimmte ihm ein anderer zu.
„Kaum zu glauben, wo sie doch so aussehen, als wären sie von irgend jemand vergessen worden.“
„Das gleiche sollten wir auch tun. Vergessen wir sie einfach.“
Ja, dachte Paul, sie sind wirklich winzig, die Inseln. Dennoch waren sie in ihrer Kleinheit ein Symbol für das Leben in
dieser unwirtlichen Gegend. Die aufbrausende, vom Wind aufgebrachte Gischt leckte gleich Feuerzungen an den Felsen, zwang
die Seehunde, sich auf der einen Seite der Insel und die Kormorane auf der anderen zusammenzudrängen. Dahinter ragten die
Berge von Usuhaia auf, und die an deren Abhängen gelegenen Häuser drängten sich wie die Tiere schutzsuchend aneinander.
Die schneebedeckten, wolkenverhangenen Hügel standen im Gegensatz zu dem mit grünen, gelben und roten Flechten überwucherten
grauen Felsen. Paul dachte an das Moor, wo es dieselben Farbtöne gab, die sich aber deutlicher abhoben gegen die schneeweißen
Berge. Hier war alles ein wenig grauer, ein wenig schattierter, übergangsloser und undeutlicher. Und er dachte an Karla.
Mit einem Mal wurde Paul bewußt, daß sie nicht mehr nur zwei Menschen mit zwei voneinander getrennten Geschichten waren,
sondern eine dritte, gemeinsame hinzugefügt hatten.
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