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[raimund bahr seit 29.6.2001 | geborener raimund kremlicka 21.3.1962-29.6.2001]

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der falsche verdacht. [fertigstellung 2012]


Es war später nachmittag, als Katzmeyer zu seinem täglichen Spaziergang zum Weissensee aufgebrochen war. Seit zwei Wochen suchte er jeden Tag das Wirtshaus Zur schönen Aussicht auf, um jenes Glas Wein zu trinken, das ihm die Kurärztin genehmigt hatte. Sie hatte ihm trotz seines kaputten Knies, der unterschiedlichen Therapien und in seinem Fall strikt angezeigten Abstinenz ein Glas Wein erlaubt, weil sie wußte, er würde einen Weg finden das Verbot zu umgehen. Vor zwei Wochen erst ließ der Ermittler seine Kollegen und seine Akten in Fürbach zurück. Ihm schien es, als sei seit damals eine halbe Ewigkeit ins Land gezogen. Abgeschnitten von seiner Arbeit fühlte er sich unbehaglich, ausgesetzt der Zeit, die nicht vergehen wollte und dahinschlich als gäbe es keinen nächsten Morgen mehr. Da war das tägliche Glas Wein am Ufer des Weissensees eine willkommene Abwechslung, ein wiederkeherendes Ritual, auf das er sich freuen konnte, in dieser uferlosen Zeit des Tages in der Kuranstalt.
Vor einem Jahr, als er sich selbst im Spiegel begegnet war, sich kaum wiederekennend, mehr dem leibhaftigen Tod ähnelnd, bleich und ausgemergelt, als der Person, die er selbst einmal geglaubt hatte zu sein, beschloss er seinem Hausarztes, seiner Frau und seiner eigenen Einsicht nachzugeben und auf Kurz zu fahren. Er wusste, daß er dem Verfall seines Körpers etwas entgegensetzen musste, wollte er seinen sechsundfünfzigsten Geburtstag in diesem Jahr noch erleben. Er begab sich also ins Kurhotel von Himelzelten, eine der führenden Rehabilationsanstalten des Landes für Gelenksschmerzen und Weichteilerkrankungen. Hier sollte er, wenn schon nicht vollkommen geheilt, so doch schmerzfrei gemacht werden. Von Heilung wollt er gar nicht sprechen, davon versprach er sich wenig.
Und nun ging er diesen abendlichen Gang herauf zum Weissensee bereits zum fünfzehnten Mal, einerseits um seinen Kreislauf in Schwung zu halten und andererseits der Sehnsucht nach dem von der Kurärztin genehmigten Glas Weißwein nachgehend. Er trat nach gut einer Stunde Fussweg, der ihn durch den Wald von Himelzelten her ins Weissenseetal hinaufführte auf eine kleine Lichtung hinaus und blickte auf den jetzt bereits im Schatten der Spätnachmittagssonne liegenden See hinunter.
Im Juli lag der Weissensee ruhig im Taleinschnitt. Keine schweren Windböen, die über ihn hinwegjagten, wie beim letzten Mal, als Friedrich Katzmeyer Himelzelten und seine vielen Seen aus beruflichen Gründen besucht hatte. Damals war der erste Herbststurm von den Bergen kommend, die den Weissensee wie Wächter umstanden, ins Tal hereingebrochen, hatte das Wasser aufgewühlt, es gepackt, als wollte er es mit sich zerren. Jetzt Mitte Juli roch es nach Sommer und die trockene Hitze der letzten Tage trieb selbst hier, wo immer ein Hauch von Abendfeuchte die Luft erfrischte, die Grillen zu Höchstleistungen an. Rund um ihn zirpte und surrte es, das ihm vor lauter Wohlgefühl schwindlig zu werden drohte. Der Mischwald reichte an den meisten Uferzonen bis ans Wasser heran. Nur ein kleines Stück Strand war von dichtem Grün freigeblieben oder vor Jahren ausgeholzt worden, vielleicht als sie das Wirtshaus Zur schönen Aussicht gebaut hatten. Ein kleiner Strand für die Einheimischen aus Himelzelten. Es führte nur eine schwer zu befahrende Fortsstraße hinauf zum See, deshalb lag auch jetzt der Badestrand vor dem Wirtshaus Zur schönen Aussicht bereits verlassen und gesäubert von Sonnencremen und nackten Oberkörpern, wie eine blank geputzte Kulisse für Katzmeyers Sehnsucht nach Ruhe und Stille vor ihm, die ihn nach einem Tag im brodelnden Kessel von Himelzelten am Roither-See gepackt hatte.
Katzmeyer wollte sich nach kurzer Rast wieder in Bewegung setzen, als sich in sein Wohlgefühl ein seltsam unbenennbares Unbehagen einschlich. Unvermittelt drehte er sich um, als erwarte er hinter sich jemanden zu entdecken. Doch da war niemand. Keine Gefahr. Das Licht, die Geräusche, die Gerüche, alles war wie in den letzten Tagen. Für gewöhnlich konnte sich Katzmeyer auf seinen Instikt für unvorhergesehne Ereignisse verlassen. Als guter Kriminalist, war er in der Lage, nicht nur seine analytischen Fähigkeiten zu nutzen, um ein Problem zu lösen, sondern auch seiner Intutition zu trauen. Dennoch fühlte sich Katzmeyer nicht wohl bei dem Gedanken, daß er nur eine diffuse Vorstellung von dem hatte, was ihn von einer zur anderen Minute derart in Unruhe versetzt hatte. Immer wieder blickte er sich um, spähte in das sich zwischen den Bäumen ausbreitende Zwielicht des Abends. Doch da war nichts. Er unterdrückte sein Unbehagen und machte sich auf den Weg Zur schönen Aussicht, zu seinem, nach einem hartem Tag in der Kuranstalt von Himelzelten verdienten Glas Wein. Plötzlich von der Seite ein Mann auf den Weg und sprach ihn mit: "Grüß Gott, Herr Katzmeyer" an.
Katzmeyer wußte erst nicht, was er sagen sollte. Erstaunen, Überraschung und Erleichterung trafen aufeinander. In Erstaunen versetzte ihn die Tatsache, daß ihn hier, mitten in den Wäldern am Weissensee, weit ab von Himelzelten und von seiner Heimat Führbach, ein ihm völlig unbekannter Mann namentlich ansprach, als würde er genau wissen, wer er sei. Überrascht, beinahe ein wenig eingeschüchtert, reagierte er, weil dieser etwas untersetzte, kleine, alte Mann, ihn, Friedrich Katzmeyer, der doch einiges in seinem Leben gesehen und mitgemacht hatte, durch sein plötzliches Auftreten aus der Fassung bringen konnte. Und Erleichterung überkam ihn, weil seinem Gefühl des Verfolgtwerdens ein rational erklärbares Phänomen zugrunde lag und sein kriminalistischer Instinkt und sein rational arbeitender Verstand doch in Ordnung zu sein schienen.
"Guten Tag", erwiderte Katzmeyer, nachdem er wieder Herr im eigenen Hause war.
"Grüß Gott", widerholte der Mann. "Entschuldigen Sie, Herr Katzmeyer, daß ich Sie hier im Wald so unvermittelt überfalle. Aber ich wußte nicht, wie ich sonst mit Ihnen ins Gespräch kommen hätte können."
"Sie hätten mich im Hotel besuchen oder auf meiner Dienststelle in Fürbach anrufen und sich einen Termin geben lassen können", erwiderte Katzmeyer zurückhaltend.
"Das wäre nicht möglich gewesen."
Die Höflichkeit und Ruhe des alten Mannes irritierten Katzmeyer erneut. Obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte, auf der Hut vor dem Fremden zu sein, der offensichtlich genau überlegt und geplant hatte, wie diese erste Begegnung von statten gehen sollte, misstraute er ihm nicht. Hätte der Mann eine angespannte, zugleich abwehrende und dennoch auf ihn zukommende Körperhaltung eingenommen, wäre er vielleicht nicht auf ihn eingegangen, hätte versucht ihn abzuwimmeln. Doch der alte Mann stand einfach nur da. Fest, beinahe wie angewachsen. Unbeirrbar war das Wort, das Katzmeyer in den Sinn kam.
"Warum?" fragte Katzmeyer.
"In Himelzelten wäre es zu gefährlich gewesen. Die Menschen hätten uns miteinander in Verbindung gebracht."

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