der falsche verdacht. [fertigstellung 2012]
Es war später nachmittag, als Katzmeyer zu seinem täglichen Spaziergang zum Weissensee
aufgebrochen war. Seit zwei Wochen suchte er jeden Tag das Wirtshaus Zur schönen Aussicht auf,
um jenes Glas Wein zu trinken, das ihm die Kurärztin genehmigt hatte. Sie hatte ihm trotz seines
kaputten Knies, der unterschiedlichen Therapien und in seinem Fall strikt angezeigten Abstinenz
ein Glas Wein erlaubt, weil sie wußte, er würde einen Weg finden das Verbot zu umgehen. Vor zwei
Wochen erst ließ der Ermittler seine Kollegen und seine Akten in Fürbach zurück. Ihm schien es,
als sei seit damals eine halbe Ewigkeit ins Land gezogen. Abgeschnitten von seiner Arbeit fühlte
er sich unbehaglich, ausgesetzt der Zeit, die nicht vergehen wollte und dahinschlich als gäbe es
keinen nächsten Morgen mehr. Da war das tägliche Glas Wein am Ufer des Weissensees eine willkommene
Abwechslung, ein wiederkeherendes Ritual, auf das er sich freuen konnte, in dieser uferlosen Zeit
des Tages in der Kuranstalt.
Vor einem Jahr, als er sich selbst im Spiegel begegnet war, sich kaum wiederekennend, mehr dem
leibhaftigen Tod ähnelnd, bleich und ausgemergelt, als der Person, die er selbst einmal geglaubt
hatte zu sein, beschloss er seinem Hausarztes, seiner Frau und seiner eigenen Einsicht nachzugeben
und auf Kurz zu fahren. Er wusste, daß er dem Verfall seines Körpers etwas entgegensetzen musste,
wollte er seinen sechsundfünfzigsten Geburtstag in diesem Jahr noch erleben. Er begab sich also ins
Kurhotel von Himelzelten, eine der führenden Rehabilationsanstalten des Landes für Gelenksschmerzen
und Weichteilerkrankungen. Hier sollte er, wenn schon nicht vollkommen geheilt, so doch schmerzfrei
gemacht werden. Von Heilung wollt er gar nicht sprechen, davon versprach er sich wenig.
Und nun ging er diesen abendlichen Gang herauf zum Weissensee bereits zum fünfzehnten Mal, einerseits
um seinen Kreislauf in Schwung zu halten und andererseits der Sehnsucht nach dem von der Kurärztin
genehmigten Glas Weißwein nachgehend. Er trat nach gut einer Stunde Fussweg, der ihn durch den Wald
von Himelzelten her ins Weissenseetal hinaufführte auf eine kleine Lichtung hinaus und blickte auf
den jetzt bereits im Schatten der Spätnachmittagssonne liegenden See hinunter.
Im Juli lag der Weissensee ruhig im Taleinschnitt. Keine schweren Windböen, die über ihn hinwegjagten,
wie beim letzten Mal, als Friedrich Katzmeyer Himelzelten und seine vielen Seen aus beruflichen Gründen
besucht hatte. Damals war der erste Herbststurm von den Bergen kommend, die den Weissensee wie Wächter
umstanden, ins Tal hereingebrochen, hatte das Wasser aufgewühlt, es gepackt, als wollte er es mit sich
zerren. Jetzt Mitte Juli roch es nach Sommer und die trockene Hitze der letzten Tage trieb selbst hier,
wo immer ein Hauch von Abendfeuchte die Luft erfrischte, die Grillen zu Höchstleistungen an. Rund um ihn
zirpte und surrte es, das ihm vor lauter Wohlgefühl schwindlig zu werden drohte. Der Mischwald reichte an
den meisten Uferzonen bis ans Wasser heran. Nur ein kleines Stück Strand war von dichtem Grün freigeblieben
oder vor Jahren ausgeholzt worden, vielleicht als sie das Wirtshaus Zur schönen Aussicht gebaut hatten. Ein
kleiner Strand für die Einheimischen aus Himelzelten. Es führte nur eine schwer zu befahrende Fortsstraße
hinauf zum See, deshalb lag auch jetzt der Badestrand vor dem Wirtshaus Zur schönen Aussicht bereits verlassen
und gesäubert von Sonnencremen und nackten Oberkörpern, wie eine blank geputzte Kulisse für Katzmeyers
Sehnsucht nach Ruhe und Stille vor ihm, die ihn nach einem Tag im brodelnden Kessel von Himelzelten am
Roither-See gepackt hatte.
Katzmeyer wollte sich nach kurzer Rast wieder in Bewegung setzen, als sich in sein Wohlgefühl ein
seltsam unbenennbares Unbehagen einschlich. Unvermittelt drehte er sich um, als erwarte er hinter
sich jemanden zu entdecken. Doch da war niemand. Keine Gefahr. Das Licht, die Geräusche, die Gerüche,
alles war wie in den letzten Tagen. Für gewöhnlich konnte sich Katzmeyer auf seinen Instikt für
unvorhergesehne Ereignisse verlassen. Als guter Kriminalist, war er in der Lage, nicht nur seine
analytischen Fähigkeiten zu nutzen, um ein Problem zu lösen, sondern auch seiner Intutition zu trauen.
Dennoch fühlte sich Katzmeyer nicht wohl bei dem Gedanken, daß er nur eine diffuse Vorstellung von dem
hatte, was ihn von einer zur anderen Minute derart in Unruhe versetzt hatte. Immer wieder blickte er
sich um, spähte in das sich zwischen den Bäumen ausbreitende Zwielicht des Abends. Doch da war nichts.
Er unterdrückte sein Unbehagen und machte sich auf den Weg Zur schönen Aussicht, zu seinem, nach einem
hartem Tag in der Kuranstalt von Himelzelten verdienten Glas Wein. Plötzlich von der Seite ein Mann auf
den Weg und sprach ihn mit: "Grüß Gott, Herr Katzmeyer" an.
Katzmeyer wußte erst nicht, was er sagen sollte. Erstaunen, Überraschung und Erleichterung
trafen aufeinander. In Erstaunen versetzte ihn die Tatsache, daß ihn hier, mitten in den
Wäldern am Weissensee, weit ab von Himelzelten und von seiner Heimat Führbach, ein ihm
völlig unbekannter Mann namentlich ansprach, als würde er genau wissen, wer er sei.
Überrascht, beinahe ein wenig eingeschüchtert, reagierte er, weil dieser etwas untersetzte,
kleine, alte Mann, ihn, Friedrich Katzmeyer, der doch einiges in seinem Leben gesehen und
mitgemacht hatte, durch sein plötzliches Auftreten aus der Fassung bringen konnte. Und Erleichterung
überkam ihn, weil seinem Gefühl des Verfolgtwerdens ein rational erklärbares Phänomen zugrunde lag und
sein kriminalistischer Instinkt und sein rational arbeitender Verstand doch in Ordnung zu sein schienen.
"Guten Tag", erwiderte Katzmeyer, nachdem er wieder Herr im eigenen Hause war.
"Grüß Gott", widerholte der Mann. "Entschuldigen Sie, Herr Katzmeyer, daß ich Sie hier im Wald so
unvermittelt überfalle. Aber ich wußte nicht, wie ich sonst mit Ihnen ins Gespräch kommen hätte können."
"Sie hätten mich im Hotel besuchen oder auf meiner Dienststelle in Fürbach anrufen und sich einen Termin
geben lassen können", erwiderte Katzmeyer zurückhaltend.
"Das wäre nicht möglich gewesen."
Die Höflichkeit und Ruhe des alten Mannes irritierten Katzmeyer erneut. Obwohl er allen Grund dazu gehabt
hätte, auf der Hut vor dem Fremden zu sein, der offensichtlich genau überlegt und geplant hatte,
wie diese erste Begegnung von statten gehen sollte, misstraute er ihm nicht. Hätte der Mann eine
angespannte, zugleich abwehrende und dennoch auf ihn zukommende Körperhaltung eingenommen, wäre er
vielleicht nicht auf ihn eingegangen, hätte versucht ihn abzuwimmeln. Doch der alte Mann stand einfach
nur da. Fest, beinahe wie angewachsen. Unbeirrbar war das Wort, das Katzmeyer in den Sinn kam.
"Warum?" fragte Katzmeyer.
"In Himelzelten wäre es zu gefährlich gewesen. Die Menschen hätten uns miteinander
in Verbindung gebracht."
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