logo verlag l
e
s
e
p
r
o
b
e

b
a
h
r





raimund bahr [kontakt] [publikationen] [biographie] [edition art science]
[raimund bahr seit 29.6.2001 | geborener raimund kremlicka 21.3.1962-29.6.2001]

bahr portrait
[home] [zeitindex] [textindex] [publikationsindex]




[weitere nachlässe]
[margit bachler-rix] [erika danneberg]
[marie langer]
Kain und Zand. Zwei Heimaten | Ein Leben


Letzte Ausfahrt und die Konsequenz des Krieges

Herbert Zand, scheint es, wollte in seinem Schreiben etwas festhalten, eine verloren gegangene Welt, aus der er selbst herausgefallen war und in der die anderen noch wie selbstverständlich zu leben schienen. Nirgendwo kommt diese Verlorenheit und Ausweglosigkeit des Lebens besser zum Ausdruck als in seinem Roman Letzte Ausfahrt, der 1953 mitten im Wiederaufbau publiziert wurde. Der große Erfolg des Buches wurde aber jäh mit dem Ende des Donau-Verlages unterbrochen. Eine Neuauflage gelang nicht. Es schien so, als wollte damals niemand mit den noch kurz zurückliegenden Ereignissen konfrontiert werden. Heute ist der Roman jedoch aktueller als je zuvor. Über die Möglichkeiten, den Krieg literarisch aufzuarbeiten, denkt Herbert Zand sehr realistisch. Es geht ihm nicht um ein großes Werk, darum ist es ihm nie gegangen. Es geht auch nicht um Schuld und Sühne. Es geht darum, das Thema in Bewegung zu setzen: "Wir haben in unserer Jugend das Beispiel übermenschlicher Anstrengungen in einem falschen Zeichen und ihr Scheitern erlebt, und von daher ist uns ein Gefühl, ein Spürsinn für das Vergebliche jeder Aktion geblieben, das sich durch alle Bücher der Nachkriegszeit hinzieht, (…) und es ist zwecklos, von Richtig und Unrichtig zu sprechen, wo Millionen ihr Leben gelassen haben. So war jene Zeit für uns der wichtigste Angelpunkt. Das gewaltige Gewicht zu überwälzen ist mir zwar nicht gelungen, doch ich bin zufrieden, wenn ich zeigen konnte, daß es sich bewegen läßt." Gerade in der Frage von Opfern und Tätern bietet der Roman Ansatzpunkte, wie mit der Rolle des einzelnen im Krieg, mit dem Soldaten an der Front, seinen Widersprüchen, Befindlichkeiten und Zwangslagen umzugehen ist. Schon 1953 schrieb Herbert Zand, daß es irgendwann einmal nötig wäre, sich auch mit den Zeugen des Krieges auseinanderzusetzen, nicht nur mit den Tätern und den Opfern: "Die Armee bricht zusammen. Aber wir haben nichts dafür und nichts dagegen getan. Wir waren als Zeugen brave Lämmer und als Täter reißende Wölfe. Die Geschichte beschäftigt sich nur mit den Tätern. Aber wer weiß, was in diesen Jahren von den Zeugen gedacht wurde, was sie litten und was sie in Freude versetzte? Man müßte die Geschichte der Zeugen schreiben."

Vielleicht hat Herbert Zand ja genau das versucht, seine Geschichte als Zeuge aufzuschreiben. Und das in doppelter Hinsicht. Einerseits als Zeuge des Geschehenen selbst, andererseits als Zeuge der grausamen Konsequenzen, die sich aus dem Geschehenen für die Existenz des Menschen ableiten. Herbert Zand beschreibt und repräsentiert als Person die häßliche Seite des Krieges, jenen Teil der Opfer, die so gern als Mitläufer und Systemerhalter bezeichnet werden. Ihre Erfahrungen waren jedoch prägend für die Nachkriegszeit und wirken bis heute nach. Diese Erfahrungen zu machen einte ihn mit Millionen anderer, was ihn unterscheidet und sein Werk so herausragen läßt, ist die Literarisierung seiner Erlebnisse auf hohem künstlerischen Niveau. Darüber hinaus reiht er sich mit seinen Beschreibungen in eine philosophisch-literarische Tradition der damaligen Zeit ein: den Existentialismus. Vergleichbar ist sein Werk die Letzte Ausfahrt mit Sartres Roman Der Pfahl im Fleisch, Günther Anders` 1933 geschriebener Molussischen Katakombe und seinen zahlreichen Essays über die Vernichtung des Menschen oder auch Becketts Endspiel von 1957.

Herbert Zands Buch kreist vor allem um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten läßt der Krieg einem Menschen, um dieser ausweglosen Situation, in die er geraten ist, zu entkommen. Im Krieg schränkt zu allererst eine lückenlose Kommandokette die Entscheidungen des Soldaten ein, die aber in Herbert Zands Augen nichts weiter ist als Terror: "Terror, als reiner Begriff gefaßt, ist nicht die Ausübung der Schreckenstat, wohl aber ihre Androhung mit all ihren leistungssteigernden Begleiterscheinungen. Unter den besonderen Lebensbedigungen des Kessels wird sich der Sinn der Schreckenstat umkehren, und Terror rückt auf zur gemeinschaftserhaltenden Kraft."

Dennoch. Trotz dieser sozialen Kraft des militaristischen Terrors, Gemeinschaft zu stiften, ist vor Ort jeder mit sich selbst allein, vor allem beim Sterben und beim Töten: "Ein mystischer Kreis schloß sich um ihn, und alles war in ihn einbezogen: das gurgelnde Wasser, der aufgereckte Leib des Pferdes, ein weiter Umkreis, in den er, zerfallend zu Erde, einwachsen würde, ja in nicht geringem Maße der Gegner selbst, der, mit der Macht des Tötens ausgestattet, im Dunkel saß, unsichtbar, gestaltlos, aber in seinen Wirkungen sichtbar werdend. Feuer dem Auge, Pfeifen, Sirren und berstender Knall dem Ohr, und durch ein Erbeben der Erde dem Tastsinn. Jeder durfte hier töten, mehr noch, war gezwungen zu töten, in das Dunkel hinein und aus dem Dunkel heraus, und kaum einer von ihnen, hüben wie drüben, wollte töten. Keiner kannte den andern. Nur aus dieser gleichgültigen Fremdheit war es überhaupt möglich, zu töten, ohne daß der Finger am Abzug stockte und ohne heftige Gemütsbewegung."

Solidarität, wenn sie denn doch einmal möglich wurde, galt als heldenhaftes Verhalten, kostete dem Solidarischen aber zumeist das Leben. Jede Kategorie, die im zivilen Leben von Bedeutung war, begann sich im Krieg aufzulösen, egal auf welcher Seite und für welches Ziel gekämpft wurde: "Höhn stand auf. Er war erschreckend blaß, schmal und schwach. Erasmus kaute an einem jungen Zweig. 'So ist das nun', sagte er und spuckte ein abgebissenes Stück des Zweiges von sich. 'Vorne schlägt es ein, hinten schlägt es ein, neben dir schlägt es ein. Vorne der Tod, hinten das Kriegsgericht; kein Platz dazwischen für Feigheit und kein Platz für Tapferkeit. Wohin soll der Feige flüchten? Wie soll der Tapfere seine Tapferkeit zeigen?"'

Zu dieser Ausweglosigkeit in der einzelnen Situation schien der Krieg auch kein Ende zu nehmen. Obwohl alle wußten, daß es keinen Sieg mehr geben konnte, machten sie alle weiter. Es herrschte der ewige Krieg: "Der Krieg ist vorbei, dachte er, nochmals ansetzend, wir müßten längst Frieden haben, und wir marschieren noch immer." Herbert Zand thematisiert damit genau die Situation, die nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte, auch wenn er damit etwas anderes gemeint hat. Günther Anders hat es einmal noch treffender mit dem Satz formuliert: "Der Friede ist immer geschieden." In der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und auch des beginnenden 21. Jahrhunderts ist der Friede immer geschieden. Der Krieg müßte längst vorbei sein, und dennoch geht er munter weiter. Das ist die absurde, existentielle Situation, in der sich die aufgeklärte Gesellschaft befindet, und dieser Widerspruch wurde auch nie beseitigt.

Samuel Beckett schrieb in seinem Endspiel: "Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende." Im existentiellen Sinne geht der gesellschaftliche Wahnsinn nach dem Tod des einzelnen weiter, und der Wahnsinn besteht ja auch darin, daß er nicht weiß, ob er jemals enden wird. Der Mensch wünscht sich zwar das Ende herbei, aber hartnäckig muß er jeden Tag, jede Stunde und jede Minute weitermachen, will er nicht als fahnenflüchtig gelten. Ein Mensch, der auf das Kollektiv hin lebt, kann sich aber auch nicht selbst umbringen, denn mit dem individuellen Tod endet ja nur die eigene ausweglose Existenz. Die anderen lassen wir damit ja in ihrem Kessel zurück. Der Solidarische hat gar nicht die Möglichkeit, sich umzubringen, ohne sich neuerlich schuldig zu machen. Insofern geht der Krieg natürlich auch nach dem Tod des Helden weiter. Diese Erfahrung machen wir täglich, stündlich, in jedem Moment unseres Lebens.

Wir sind nur gewohnt, diese Tatsache zu verdrängen. Heute gelingt uns das umso besser, je weiter wir von den Kriegsschauplätzen in der Welt entfernt sind. In Europa herrscht kein Krieg mehr. Vor zehn Jahren war das noch anders. Erinnern wir uns an den Jugoslawienkrieg. Doch auch dieser Krieg schien nicht unser Krieg zu sein. Das unterscheidet uns heute von der Generation derer, die um 1900 oder in den zwanziger Jahren geboren wurden. Das macht es auch so schwierig, an ihre Antikriegskonzepte anzuschließen. Wir brauchen Übersetzungen, um zu begreifen, warum es sich auch heute noch lohnt, Zand, Beckett, Sartre, Anders zu lesen und den Versuch zu unternehmen, zu begreifen, was sie uns mitteilen wollten über die Kriege, die Höllen und existentiellen Notstandssituationen, die sie erlebten.

portrait bahr raimund bahr [kontakt]

[home] [zeitindex] [textindex] [publikationsindex]