Leben und Denken im Wort. Günther Anders Biographie
§ 26 Keine Hoffnung nirgends
Günther Anders hat mit seinem Leben, seinem Handeln, seinem Denken und Schreiben zahlreiche Wegweiser gesetzt, denen wir folgen können,
wenn wir das wollen. Am Ende seines Lebens kehrte der Ketzer noch einmal an den Ursprung aller menschlichen Fragen zurück: Woher kommen
wir? Wohin gehen wir? Ausgehend von diesen Fragen und der Bestimmung des sozialen Ortes, den der Mensch einnimmt, entwickelte er seine
Technikphilosophie. Diese fiel nicht vom Himmel, sondern entstand Schritt für Schritt und ist für uns heute ein Wegweiser durch
das Dickicht der Transformation des Menschen in ein anderes Wesen, für das wir im Augenblick nur Hilfsbegriffe kennen – wie Cyborg oder
Artificial Intelligence. Günther Anders' Theorien können nicht erklären, welche Transformationsprozesse die technologischen Entwicklungen
mit der Spezies Mensch noch anstellen werden, doch sie sind durchaus geeignet, deren Vorgeschichte zu erklären.
Es gibt eine historische Parallele zu Günther Anders' Denken, das wir bei Marx finden können. Marx hat die Transformation des
Merkantilismus in den Industriekapitalismus und dessen unmittelbaren Auswirkungen beobachtet und beschrieben. Er hat daraus
politische Lehren gezogen und zusammen mit Engels und anderen die verkürzte Formel der Diktatur des Proletariats
entwickelt. Mehr als hundert Jahre blieben die zentralen Thesen von Karl Marx gültig. Die Transformation des euro-amerikanischen
Industriekapitalismus in eine globale, multimediale Dienstleistungsgesellschaft kann jedoch mit Marx nicht mehr hinreichend
erklärt werden. Daraus resultiert auch die Krise der Gewerkschaften und der Sozialdemokratien überall auf der Welt. Die politischen
Eliten verwandeln sich auf Grund fehlender Wegweiser in Dilettanten, die mehr Schaden als Nutzen bringen, vor allem für diejenigen,
die ihre Hilfe am nötigsten hätten. Für Günther Anders und sein Werk gilt ähnliches. Günther Anders' Schriften können wir als
historische Texte lesen, die auf eine Entwicklung verweisen, die nach Auschwitz einsetzte und nun siebzig Jahre danach ihre
volle Dynamik entfaltet. Günther Anders' Schriften zeigen uns die Entstehungsgeschichte eines Transformationsprozesses, in
dessen Zuge der Mensch sich in eine neue Spezies verwandelt. Aufbauend auf seinen Thesen, seinen Methoden und Erkenntnissen
müßte nun eine Theorie folgen, die den derzeit stattfindenden Wandlungsprozeß begleitet und beschreibt, als eine Art
Vorgeschichte für jene Wesen, die nach uns kommen, damit diese verstehen können, wie sie zu dem geworden sind, was sie
sein werden.
In diesem Sinne sehe ich Günther Anders' Schriften als eine Art Wegweisung im doppelten Wortsinne. In diesem
Wort steckt der Begriff Weg als der Weg, den wir gegangen sind, den wir gerade gehen und den wir noch zu gehen
haben. Es ist aber auch das Wort Weisung darin enthalten. Er gibt uns Anweisungen, er stellt Wegweiser auf, er gibt uns
Taschenlampen des Denkens in die Hand, um uns in den tiefen Tälern, den Schatten der philosophisch-moralischen Berge des
zwanzigsten Jahrhunderts, die uns den Blick auf die Gegenwart verstellen, zurechtzufinden. Er bietet uns einen Ausweg aus
dem Dickicht eines akademischen Diskurses, der nur noch zum Teil in der Lage ist, die Welt – wie wir sie erleben – zu erfassen.
Gleichzeitig steckt aber auch der Begriff weg darin. Hinfort mit all dem, was uns belastet. Seien wir wieder
radikal! Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf das, woraus wir geboren sind: Auschwitz und Hiroshima. Weisen wir weg,
was uns den Blick auf diese beiden Skandale des zwanzigsten Jahrhunderts verstellt, um zu entdecken, was wir geworden
sind und was wir im Schatten dieser beiden Ereignisse zu werden drohen. Weisen wir von uns all jene weg, die uns jenes
Heil versprechen, das aus der Aufklärung herüberleuchtet in die Gaskammern von Auschwitz, in die atomaren Waffenlager
der globalen Waffenlobbys, in die Elendsquartiere Lateinamerikas, in die Todeszonen Schwarzafrikas, in den Klimakollaps des
einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Günther Anders war angetreten, um dieses falsche Heil philosophisch sichtbar zu machen. Er fordert uns auf, die
religiösen Eiferer von links und rechts in ihre Schranken zu weisen. Er weist uns darauf hin, daß wir als zufällige Wesen,
die wir nun mal da sind, keine andere Chance haben, als eigenverantwortlich das zu gestalten, was wir eines Tages
sein wollen, und nicht hinnehmen dürfen, was wir sein sollen. Denn es gibt kein Gesolltes für den Menschen im
Angesicht des Nichts, sondern nur ein Gewolltes. Und für dieses Gewollte benötigen wir globale Spielregeln, damit die
neue Spezies nicht ganz ohne uns entsteht, sondern ein wenig so ist, wie wir sie und vorstellen.
Seine Thesen konstatieren aus der Sicht des heutigen Menschen, daß nicht nur das Ende der Menschheit möglich ist,
sondern auch die Auslöschung aller Vergangenheiten des Menschen, also auch die Hoffnung auf jeden Neubeginn, denn
wenn die Menschheit ausgelöscht würde, gäbe es auch keine Zeugnismöglichkeit mehr über das Gewesensein von Menschheit.
Dies gilt für einen Atomkrieg ebenso wie für eine etwaige Auslöschung des Menschen durch eine Maschinenzivilisation.
Im einen Fall ist es nur unmittelbarer einsichtig. Eine Maschinenzivilisation würde den Menschen ja langsam und allmählich
assimilieren. Was im Ergebnis dasselbe wäre, jedoch für den Menschen weniger leicht zu verstehen ist. In dieser Hinsicht ist
Günther Anders ein Radikaler. Er beschönigt den Untergang nicht, er dämonisiert ihn nicht, er stellt ihn einfach fest. Dennoch
bleibt er ein Mensch und will als Mensch weiterleben, muß sozusagen gegen den nihilistischen Impuls seines eigenen Denkens angehen
und im Handeln gegen diesen Untergang antreten.
Günther Anders' Denken ist nihilistisch.
Günther Anders als Mensch will überleben.
Daraus einen Widerspruch in seinem Werk abzuleiten wäre purer Unsinn. Nirgendwo in seinem Werk gibt uns Günther
Anders Hoffnung auf ein Leben jenseits des einmontierten Menschen, jenseits des atomaren Staates
oder einer Philosophie des Untergangs, höchstens vielleicht den Wunsch, daß all sein Denken und Schreiben
sich als Irrtum herausstellen und er Unrecht behalten möge, damit eine Welt ohne Mensch niemals Wirklichkeit werde.
Sein Leben legt Zeugnis darüber ab, daß es trotz allem, trotz der Verzweiflung weitergehen kann, weil der Mensch
die Fähigkeit besitzt, sich der Verzweiflung, die aus dem eigenen Denken kommt, tätig zu widersetzen. Jedoch nicht aus
dem Affekt der Hoffnung, sondern aus dem viel ursprünglicheren, natürlicheren Affekt des Wunsches zu überleben.
Dieser Affekt überschreitet das Hoffen, denn das Hoffen ist ein passiver Affekt, während das Wollen den aktiven Affekt
des Handelns mit einschließt. In diesem Sinne ist sein Werk für mich ein Lehrstück über das Gewesene, das in meiner Zeit
auf Zukünftiges verweist. Und so habe ich es auch gelesen: als Wegweiser durch meine Vergangenheit, die in eine gewisse
Zukunft führt. Und was mich Günther Anders noch gelehrt hat, ist, daß diese Zukunft nur dann eine für den Menschen erträgliche
sein wird, wenn wir den Willen entwickeln, uns gegen die Technokratie des Krieges, gegen eine vollkommen militarisierte Welt,
gegen eine Welt, die in ihrer Technisierung keinen Raum für das soziale Wesen Mensch läßt, konsequent zur Wehr setzen. Ansonsten
wird es nicht nur keine Hoffnung nirgends mehr geben, sondern auch keinen Ort nirgends.
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